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Wann Yoga wirklich therapeutisch wirkt

  • Autorenbild: Dr. Peter Poeckh
    Dr. Peter Poeckh
  • 3. Juli
  • 5 Min. Lesezeit

Yoga kann viel bewirken.


Es kann Beweglichkeit schenken, Kraft aufbauen, den Atem beruhigen, Schmerzen lindern und Menschen dabei helfen, ihren Körper wieder besser wahrzunehmen. Genau deshalb wird oft gesagt: Yoga ist therapeutisch.


Und ja, grundsätzlich stimmt das.


Aber es gibt einen wichtigen Zusatz: Yoga wirkt nicht automatisch bei jedem Menschen auf die gleiche Weise. Eine Übung, die für eine Person sehr hilfreich ist, kann für eine andere wenig bringen oder sogar Beschwerden verstärken.


Genau hier beginnt Yogatherapie.


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Was unterscheidet Yogatherapie von klassischem Yoga?

Viele Yogarichtungen stammen aus bestimmten Traditionen. Hatha Yoga, Ashtanga Yoga, Iyengar Yoga oder andere Stile wurden oft durch einzelne Lehrer geprägt und über Schulen weitergegeben.

Yogatherapie ist anders.


Sie ist nicht in erster Linie ein eigener Stil, sondern ein individueller Zugang. Einer der wichtigen historischen Impulse kommt von Krishnamacharya, der besonders in späteren Lebensjahren therapeutischen Einzelunterricht mit Yogatechniken gegeben hat.


Der Kern dabei ist nicht: „Diese Übung ist gut.“

Sondern eher: Wann ist welche Übung für welchen Menschen sinnvoll?

Das klingt einfach, verändert aber die gesamte Praxis.


Denn in einer Yogaklasse stehen nie zehn identische Körper. Menschen bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit: Alter, Geschlecht, Beweglichkeit, Kraft, Schmerzen, Alltag, Sportgeschichte, Verletzungen, Gewohnheiten und genetische Veranlagung. Yogatherapie schaut genau hin.


Warum nicht jede Beweglichkeit ein Ziel ist

Im Yoga wird Beweglichkeit oft sehr hoch bewertet. Wer tiefer in die Vorbeuge kommt, wer den Fuß leichter hinter den Kopf bringt oder scheinbar mühelos in anspruchsvolle Asanas gleitet, wirkt auf den ersten Blick „weiter“.


Aus therapeutischer Sicht ist das aber nicht immer richtig. Denn Beweglichkeit allein sagt noch nicht, ob ein Körper gut funktioniert. Wichtig ist die Frage: Kann ich eine Bewegung aktiv kontrollieren? Hier hilft die Unterscheidung zwischen aktiver und passiver Beweglichkeit.


Aktive Beweglichkeit bedeutet: Ich kann eine Bewegung aus eigener Kraft ausführen und halten.

Passive Beweglichkeit bedeutet: Ich komme durch äußere Hilfe tiefer in eine Position. Das kann durch ein Adjustment passieren, durch Gurte, Blöcke, Stühle, Wärme oder durch das Körpergewicht. Hilfsmittel können sehr sinnvoll sein. Aber wenn der Abstand zwischen passiver und aktiver Beweglichkeit zu groß wird, fehlt oft die Kontrolle. Dann steigt das Risiko, dass ein Gelenk überfordert wird.


Gerade im Yoga ist das wichtig, weil viele Menschen sehr beweglich sind, aber nicht genug Kraft und Stabilität haben, um diese Beweglichkeit sicher zu führen.


Hypermobilität: Wenn zu viel Beweglichkeit zum Problem wird

Ein überbewegliches Gelenk muss nicht sofort weh tun. Im Gegenteil: Viele Menschen empfinden es zunächst sogar als Vorteil. Sie kommen leicht in tiefe Dehnungen, fühlen sich beweglich und haben lange keine Beschwerden. Das Problem entsteht häufig erst später, wenn die Stabilität fehlt.


Dann kann aus Hypermobilität eine funktionelle Instabilität werden. Das bedeutet: Ein Gelenk bewegt sich zwar viel, wird aber nicht ausreichend kontrolliert. Häufige Beispiele sind ein starkes Hohlkreuz in der Lendenwirbelsäule oder das Durchdrücken der Knie im Stand.


Deshalb braucht ein beweglicher Körper oft nicht noch mehr Dehnung, sondern mehr Kraft, Stabilität und Gelenkkontrolle.


Wann Dehnung sinnvoll ist

Dehnung ist nicht schlecht. Ganz im Gegenteil. Sie kann sehr hilfreich sein, wenn ein Muskel oder eine Muskelgruppe deutlich unter Spannung steht, verkürzt ist oder wenn eine Seite viel unbeweglicher ist als die andere. Ein klassisches Beispiel ist die Beinrückseite in der Vorbeuge. Wenn du dort eine angenehme Dehnung spürst, kann das sinnvoll sein. Wichtig ist aber, dass es bei einem klar wahrnehmbaren, noch angenehmen Dehnungsgefühl bleibt.


Es geht nicht darum, Schmerz auszuhalten.


Besser wäre sogar, nicht vom „Dehnungsschmerz“ zu sprechen, sondern vom Dehnungsgefühl. Sobald aus diesem Gefühl ein stechender, brennender, einschießender oder entzündlicher Schmerz wird, ist Vorsicht geboten. Dann ist die Übung in dieser Form nicht passend.


Schmerz ist nicht gleich Schmerz

Ein zentraler Punkt der Yogatherapie ist der Umgang mit Schmerz. Ein angenehmes Dehnungsgefühl in einem Muskel ist etwas anderes als ein Schmerz im Gelenk, ein Nervenschmerz, ein brennendes Gefühl oder ein entzündlicher Schmerz. Bei entzündlichen Schmerzen sollte die betroffene Region nicht weiter belastet werden. Hier braucht der Körper zuerst Zeit, damit die Entzündung abklingen kann.

Auch bei einschießenden, brennenden oder unklaren Schmerzen ist es sinnvoll, diese Beschwerden medizinisch abklären zu lassen. Yogatherapie bedeutet nicht, sich durch Schmerzen hindurchzuarbeiten. Sie bedeutet, Bewegungen so auszuwählen, dass sie den Körper unterstützen.


Wann Kräftigung wichtig wird

Viele Beschwerden entstehen nicht durch zu wenig Beweglichkeit, sondern durch fehlende Stabilität.

Das sehen wir häufig bei Rückenbeschwerden, Knieproblemen, Hüftthemen oder Schulterschmerzen.

Kräftigung ist besonders wichtig in schmerzfreien Phasen oder in Bereichen, die zu wenig aktiv sind. Wenn ein Bereich aber gerade stark schmerzt und unter hoher Spannung steht, kann zusätzliches Krafttraining die Spannung manchmal noch verstärken. Dann braucht es zuerst Entlastung, Mobilisation oder sanfte Dehnung. Ein therapeutischer Ansatz fragt deshalb immer:

Was braucht dieser Körper gerade?

Mehr Beweglichkeit? Mehr Kraft? Mehr Stabilität? Mehr Kontrolle? Oder zuerst weniger Spannung?


Anatomie muss nicht kompliziert sein

Viele Menschen schrecken vor Anatomie zurück, weil sie glauben, sie müssten hunderte Muskeln, lateinische Namen, Ursprünge und Ansätze auswendig lernen. Für eine sinnvolle Yogapraxis geht es aber um etwas anderes. Es geht darum, Bewegungen zu verstehen.


Was passiert in einer Vorbeuge?Welche Strukturen werden gedehnt? Welche Gelenke brauchen Kontrolle? Wo entsteht Ausweichbewegung? Wann ist eine Rückbeuge wirklich eine Rückbeuge der Brustwirbelsäule und wann weicht jemand nur in die Lendenwirbelsäule aus? Wenn wir diese Zusammenhänge verstehen, wird Yoga klarer, sicherer und individueller.


Die therapeutische Wirkung entsteht durch die passende Auswahl

Yoga kann therapeutisch wirken. Aber die therapeutische Wirkung entsteht nicht allein dadurch, dass eine Übung aus dem Yoga kommt. Sie entsteht, wenn eine Übung passend ausgewählt, gut dosiert und an den Menschen angepasst wird. Das ist in einer Gruppenstunde nicht immer vollständig möglich. Trotzdem können auch Gruppenstunden therapeutisch sinnvoll gestaltet werden, wenn sie gut aufgebaut sind und anatomische Grundprinzipien berücksichtigen. Bei ausgeprägten Beschwerden braucht es aber oft den individuellen Blick. Dann geht es darum, eine passende Asana-, Atem- und eventuell Meditationspraxis für diese Person zu finden.

Genau das ist Yogatherapie.


Sthira Sukham Asanam: Festigkeit und Leichtigkeit

Ein schöner Gedanke aus den Yoga-Sutren von Patanjali beschreibt, dass ein Asana sowohl Stabilität als auch Leichtigkeit haben soll. Anatomisch betrachtet passt das sehr gut. Ein Asana braucht Spannung und Entspannung. Kraft und Dehnung. Kontrolle und Loslassen. Wenn eine dieser Qualitäten fehlt, wird die Praxis einseitig. Zu viel Dehnung ohne Stabilität kann den Körper überfordern. Zu viel Kraft ohne Entspannung kann Spannung und Schmerz verstärken.

Yogatherapie sucht die Balance.


Fazit

Yogatherapie bedeutet nicht, dass es nur bestimmte „therapeutische Übungen“ gibt. Sie bedeutet, Yoga individuell zu verstehen. Nicht jede Person braucht mehr Dehnung. Nicht jede Person braucht mehr Kraft. Nicht jeder Schmerz ist harmlos. Und nicht jede Bewegung ist automatisch sinnvoll, nur weil sie in einer Yogastunde vorkommt. Wenn wir lernen, den Körper besser zu lesen, wird Yoga präziser, sicherer und wirksamer. Dann kann eine Praxis entstehen, die nicht nur auf der Matte gut aussieht, sondern den Menschen im Alltag wirklich unterstützt.


Wenn du diese Zusammenhänge besser verstehen möchtest, ist das Modul Yogatherapie Grundlagen ein guter Einstieg. Dort werden wichtige Asanas, Bewegungsmuster und anatomische Zusammenhänge verständlich erklärt und direkt mit der Praxis verbunden.


Für alle, die tiefer in die therapeutische Arbeit mit Yoga einsteigen möchten, gibt es außerdem die große Yogatherapie-Ausbildung.


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