Wie Yogatherapie die Körperhaltung verändern kann

Kann sich ein ausgeprägter Rundrücken auch nach dem 50. Lebensjahr noch verbessern? Und wie viel Einfluss haben wir selbst auf unsere Haltung, wenn sich bestimmte Bewegungsmuster über Jahrzehnte eingeschlichen haben?
Christine Varriale ist heute 68 Jahre alt. Als sie 2015 an einer meiner ersten Yogatherapie-Ausbildungen teilnahm, hatte sie bereits einen deutlichen Rundrücken und eine Skoliose, also eine seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule. Ihre Beweglichkeit war eingeschränkt, die Brustwirbelsäule kaum beweglich und auch die Atmung beeinträchtigt.
Heute berichtet Christine von einer deutlich verbesserten Aufrichtung, einer freieren Atmung und einem völlig veränderten Körpergefühl. Ihre Entwicklung ist ein interessantes Beispiel dafür, was durch gezielte Bewegung, Körperwahrnehmung und jahrelange Übungspraxis möglich sein kann.
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Warum klassische Yogaübungen nicht für jeden Körper geeignet sind
Christine hatte bereits viele Jahre Yoga praktiziert, bevor sie zur Yogatherapie kam. Doch irgendwann bemerkte sie, dass sie mit bestimmten Übungen nicht weiterkam. Anspruchsvolle Positionen wie Kopfstand oder Skorpion waren für sie kaum erreichbar.
Das eigentliche Problem lag aber nicht darin, dass sie diese Positionen nicht beherrschte. Vielmehr fehlte die individuelle Anpassung an ihre körperlichen Voraussetzungen.
Genau hier unterscheidet sich der yogatherapeutische Ansatz von einer rein auf bestimmte Körperhaltungen ausgerichteten Yogapraxis. Wir fragen zuerst, welche Bewegungen ein Mensch ausführen kann, welche Einschränkungen bestehen und welche Strukturen Unterstützung benötigen.
Bei Christine war vor allem die Brustwirbelsäule betroffen. Durch ihren ausgeprägten Rundrücken konnte sie sich kaum aus diesem Bereich aufrichten. Versuchte sie es trotzdem, wich sie unbewusst in andere Körperregionen aus. Sie verstärkte beispielsweise ihr Hohlkreuz oder überstreckte die Halswirbelsäule.
Solche Ausweichbewegungen sind häufig zu beobachten. Wenn ein Abschnitt der Wirbelsäule wenig beweglich ist, übernehmen andere Bereiche einen Teil der Bewegung. Dadurch können zusätzliche Spannungen und Beschwerden entstehen.
Wie Faszien und gezielte Bewegung die Aufrichtung unterstützen können
Ein wesentlicher Teil von Christines Übungspraxis bestand darin, sich intensiv mit ihren Faszien auseinanderzusetzen. Faszien sind bindegewebige Strukturen, die unter anderem Muskeln umhüllen und Kräfte zwischen verschiedenen Körperregionen übertragen.
Christine begann ganz bewusst bei ihren Fußsohlen. Während sie morgens ihren Cappuccino trank, bearbeitete sie ihre Fußsohlen mit einem Golfball. Später bezog sie die Beine, das Gesäß und den Rücken in ihre Übungen ein.
Dabei hatte sie an den Füßen ursprünglich gar keine Beschwerden. Ihr Gedanke war, den Körper als zusammenhängendes Bewegungssystem zu betrachten und schrittweise an verschiedenen Spannungsbereichen zu arbeiten.
Über die Jahre nahm sie Veränderungen wahr, die weit über die ursprünglich bearbeiteten Körperregionen hinausgingen. Besonders im Nacken und in der Brustwirbelsäule empfand sie eine zunehmende Entspannung und Beweglichkeit.
Aus therapeutischer Sicht ist dabei wichtig: Nicht jede Einschränkung lässt sich durch Faszienarbeit verbessern. Auch muskuläre Kraft, Gelenkbeweglichkeit, die individuelle Anatomie und das Nervensystem spielen eine Rolle. Entscheidend ist, herauszufinden, welche Maßnahmen für den jeweiligen Menschen sinnvoll sind.
Was die Brustwirbelsäule mit unserer Atmung zu tun hat
Eine besonders interessante Veränderung beschreibt Christine beim Atmen.
Durch ihren Rundrücken und die Skoliose war die Beweglichkeit ihres Brustkorbs eingeschränkt. Auch die Zwischenrippenmuskulatur und das Zwerchfell, unser wichtigster Atemmuskel, waren für sie ein Thema.
Die Brustwirbelsäule und die Rippen bilden eine funktionelle Einheit. Wenn wir einatmen, muss sich der Brustkorb ausdehnen können. Eingeschränkte Beweglichkeit kann diese Bewegung erschweren.
Christine arbeitete deshalb gezielt an der Aufrichtung, der Rotation ihrer Brustwirbelsäule und den unterschiedlich ausgeprägten Spannungen auf beiden Körperseiten.
Heute kann sie nach eigener Aussage wesentlich tiefer einatmen und länger ausatmen als früher.
Das bedeutet nicht, dass sich jede Skoliose durch Yoga korrigieren lässt. Strukturelle Veränderungen der Wirbelsäule sind individuell unterschiedlich ausgeprägt. Dennoch können sich Beweglichkeit, muskuläre Kontrolle und Atemgefühl durch geeignete Übungen verbessern.
Warum 15 bis 20 Minuten täglich einen Unterschied machen können
Vielleicht ist der interessanteste Teil von Christines Geschichte gar nicht eine bestimmte Übung, sondern ihre Konsequenz.
Seit über zehn Jahren beschäftigt sie sich regelmäßig mit ihren körperlichen Einschränkungen. Meistens übt sie zu Hause etwa 15 bis 20 Minuten. Manchmal mehr, manchmal weniger. Wenn sie auf Reisen ist, ersetzt sie ihre gewohnte Praxis beispielsweise durch ausgedehnte Spaziergänge und bewusstes aufrechtes Gehen.
Ihre Übungen haben einen festen Platz im Alltag gefunden. Ähnlich wie das tägliche Zähneputzen.
Auch Wartezeiten an der U-Bahn nutzte sie früher, um ihre Haltung bewusst zu überprüfen und sich neu auszurichten. Bewegungen, auf die sie anfangs besonders achten musste, wurden mit der Zeit zunehmend selbstverständlich.
Dahinter steckt ein wichtiger Gedanke: Unser Nervensystem lernt durch Wiederholung. Wenn wir Bewegungen regelmäßig und bewusst ausführen, können sich neue Bewegungsgewohnheiten entwickeln.
Dabei geht es nicht darum, ständig eine vermeintlich perfekte Körperhaltung einzunehmen. Unser Körper braucht unterschiedliche Positionen und Bewegungen. Viel wichtiger ist die Fähigkeit, die eigene Haltung wahrzunehmen und bei Bedarf verändern zu können.
Wenn aus eigener Erfahrung Hilfe für andere wird
Besonders freut mich, dass Christine ihr Wissen heute weitergibt.
Seit mehreren Jahren unterrichtet sie ehrenamtlich Yoga beim Hilfswerk in Wien. Ihre Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind unterschiedlich alt und haben teilweise erhebliche finanzielle oder persönliche Herausforderungen.
Im Mittelpunkt ihrer Stunden stehen einfache Atemübungen, sanfte Mobilisation, Gleichgewichtstraining und Entspannung. Bei Gleichgewichtsübungen bietet sie beispielsweise verschiedene Schwierigkeitsstufen an. Wer Unterstützung benötigt, kann sich an einer Säule festhalten.
Christine berichtet von Menschen, die sich durch die regelmäßige Bewegung beim Gehen sicherer fühlen oder besser entspannen können.
Gerade hier wird deutlich, dass Yogatherapie nicht von besonders anspruchsvollen Körperpositionen lebt. Eine einfache, individuell angepasste Übung kann für jemanden mit eingeschränkter Beweglichkeit wesentlich sinnvoller sein als eine komplizierte Asana.
Ist es irgendwann zu spät, die eigene Haltung zu verändern?
Christine ist heute 68 Jahre alt und beschäftigt sich nach wie vor mit ihrer Beweglichkeit. Auch nach mehr als zehn Jahren nimmt sie weitere Veränderungen wahr.
Ihre Geschichte ist kein Beweis dafür, dass sich jede Fehlhaltung vollständig korrigieren lässt. Dafür sind die körperlichen Voraussetzungen zu unterschiedlich. Sie zeigt aber, dass Alter allein kein Grund sein muss, bestehende Einschränkungen einfach hinzunehmen.
Für mich liegt darin eine wesentliche Aufgabe der Yogatherapie: Den eigenen Körper verstehen lernen, Bewegungsmöglichkeiten erkennen und schrittweise daran arbeiten.
Dazu braucht es nicht unbedingt besonders schwierige Übungen. Oft beginnt die Veränderung damit, wieder genauer hinzuspüren und regelmäßig etwas für die eigene Beweglichkeit zu tun.
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Wenn du auch mit Yogatherapie beginnen möchtest möchtest: Meine Yogatherapie Grundlagen


