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Stabilität oder Mobilität, was dein Körper im Yoga wirklich braucht

  • Autorenbild: Dr. Peter Poeckh
    Dr. Peter Poeckh
  • vor 5 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

mit Dr. Peter Poeckh


Nicht jede Region im Körper braucht das Gleiche. Manche wollen Stabilität, andere Beweglichkeit.“

In dieser Spezialfolge von Yogatherapie bewegt gibt es ausnahmsweise keinen Gast, sondern eine Solo-Episode zu einem Thema, das im therapeutischen Yoga aus meiner Sicht eine zentrale Rolle spielt: Wann sollten wir im Körper eher auf Stabilität setzen und wann auf Mobilität?


Diese Frage klingt im ersten Moment vielleicht technisch. In Wahrheit steckt darin aber ein ganz wesentlicher Schlüssel für eine gesunde, sinnvolle und individuell angepasste Yoga-Praxis.


Denn gerade im Yoga begegnen mir immer wieder sehr unterschiedliche Vorstellungen. Die einen sehen Yoga vor allem als Weg zu mehr Beweglichkeit und Dehnung. Die anderen betonen Kraft, Muskelaufbau und Stabilität. Und dann gibt es noch viele Mythen dazwischen, die eher für Verwirrung sorgen als für Klarheit.


Genau deshalb wollte ich dieser Frage einmal eine ganze Folge widmen.


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Wenn du diese Zusammenhänge noch klarer vor Augen haben möchtest, habe ich passend zur Folge einen kostenlosen Yoga Anatomie Leitfaden erstellt.




Warum Anatomie im Yoga so wichtig ist


Yoga ist natürlich viel mehr als nur Körperarbeit. Es hat viele Ebenen und viele Zugänge. Gleichzeitig ist mein eigener Schwerpunkt seit vielen Jahren der körperliche und anatomische Zugang, also die Frage, wie wir Bewegung so gestalten können, dass sie dem Körper wirklich guttut.


Denn die funktionelle Anatomie gilt nicht nur fürs Yoga. Sie gilt für alle Bewegungsformen. Muskeln, Sehnen, Faszien, Bänder und Gelenke funktionieren nach bestimmten Prinzipien, egal ob wir auf der Matte stehen, spazieren gehen oder Krafttraining machen.


Was sich allerdings massiv verändert hat, ist unser Alltag.


Unser Körper ist als Bewegungsapparat gedacht, nicht als Sitzapparat. Genau darin liegt eines der großen Probleme unserer Zeit. Viele Menschen verbringen den Großteil des Tages sitzend. Andere stehen sehr lange. Beides ist auf Dauer nicht ideal. Was der Körper eigentlich braucht, ist regelmäßige, abwechslungsreiche Bewegung.


Und genau hier hilft uns ein anatomisches Grundprinzip weiter.


Das Stabilitäts Mobilitäts Muster im Körper


Wenn wir den Körper von unten nach oben betrachten, erkennen wir ein spannendes Muster. Bestimmte Regionen sind eher für Stabilität gemacht, andere eher für Mobilität. Dieses Prinzip zieht sich fast durch den ganzen Körper.


Der Fuß braucht vor allem Stabilität, weil er unser Fundament bildet.


Das Sprunggelenk sollte gut beweglich sein und mehrere Bewegungsrichtungen zulassen.


Das Knie braucht wieder mehr Stabilität. Es kann zwar leicht rotieren, ist aber grundsätzlich kein Gelenk, das auf große Rotationsfreiheit ausgelegt ist.


Die Hüfte dagegen sollte in mehrere Richtungen beweglich bleiben, also beugen, strecken, nach innen und außen drehen und auch zur Seite gut arbeiten können.


Die Lendenwirbelsäule ist eher ein Stabilitätssegment. Genau das wird in der Yoga-Praxis oft übersehen, besonders bei Rückbeugen.


Die Brustwirbelsäule darf deutlich beweglicher sein und unterstützt Rotation, Seitneigung und Streckung.


Die Schulter braucht viel Beweglichkeit, während der Ellbogen wieder mehr Stabilität verlangt. Das Handgelenk wiederum sollte gut beweglich bleiben.


Dieses abwechselnde Prinzip hilft enorm, um besser zu verstehen, warum bestimmte Beschwerden überhaupt entstehen.


Wenn das Muster gestört wird


Problematisch wird es immer dann, wenn wir von einer Region etwas verlangen, wofür sie eigentlich nicht gedacht ist.


Ein klassisches Beispiel ist das Knie. In manchen Yoga-Haltungen wird das Knie durch Stellung von Fuß und Hüfte in eine stärkere Rotation gebracht, als ihm guttut. Kurzfristig mag das vielleicht noch gutgehen. Wird es aber oft wiederholt, kann genau daraus auf Dauer eine Überlastung entstehen.


Ein anderes Beispiel ist der untere Rücken. Viele Menschen holen sich in Rückbeugen sehr viel Bewegung aus der Lendenwirbelsäule, obwohl diese Region anatomisch eher Stabilität braucht. Was dann oft fehlt, ist Beweglichkeit in der Hüfte oder Brustwirbelsäule und gleichzeitig Kraft in den stabilisierenden Muskeln rund um die Wirbelsäule.


Das Ergebnis kennen viele: Druckgefühl, Spannung, Überlastung oder Schmerzen im unteren Rücken.


Warum der Hüftbeuger so oft mitmischt


Ein Muskel, der in diesem Zusammenhang fast immer auftaucht, ist der Hüftbeuger.


Durch das viele Sitzen ist er bei den meisten Menschen deutlich verkürzt oder zumindest ständig in einer erhöhten Spannung. Genau das zieht das Becken und damit auch die Lendenwirbelsäule nach vorne. Es entsteht ein übermäßiges Hohlkreuz.


Die Folgen bleiben selten auf diese eine Region beschränkt. Der obere Rücken geht in die Gegenbewegung, die Schultern kippen nach vorne, die Halswirbelsäule muss ausgleichen. So entsteht Schritt für Schritt ein Haltungsmuster, das Spannung im ganzen Körper aufbaut.


Deshalb lohnt es sich im Yoga fast immer, den Körper als Ganzes zu betrachten und nicht nur die Region, die gerade Beschwerden macht.


Schmerz heißt nicht automatisch kräftigen


Ein ganz wichtiger Punkt dieser Folge ist die Unterscheidung zwischen strukturellen und funktionellen Ursachen von Schmerzen.


Strukturelle Ursachen wären zum Beispiel ein Knochenbruch, eine Arthrose, ein Bandscheibenvorfall oder eine andere Veränderung, die man in der Bildgebung sehen kann.


Viel häufiger sind allerdings funktionelle Ursachen. Also Beschwerden, die vor allem mit Spannung, muskulären Dysbalancen, faszialen Verklebungen, Fehlbelastung oder ungünstigen Bewegungsmustern zu tun haben.


Und genau hier wird oft der entscheidende Fehler gemacht.


Wenn eine Region bereits schmerzhaft ist und dort ohnehin schon zu viel Spannung herrscht, dann macht es oft wenig Sinn, sofort noch mehr Spannung durch Kräftigung hineinzubringen. In so einer Phase ist es meist sinnvoller, zuerst zu mobilisieren, zu entlasten, zu lösen und wieder mehr Beweglichkeit herzustellen.


Ist die schmerzhafte Phase vorbei oder handelt es sich um eine Region, die anatomisch primär Stabilität braucht, dann wird Kräftigung wieder wichtiger.


Diese Unterscheidung ist zentral, gerade auch für Yoga-Lehrende.


Yoga an den Menschen anpassen, nicht umgekehrt


Für mich ist therapeutisches Yoga kein starres System und auch kein Dogma. Es geht nicht darum, Asanas möglichst perfekt nach einem festen Bild auszuführen. Es geht darum, Yoga an den jeweiligen Menschen anzupassen.


Jeder Körper bringt andere Voraussetzungen mit. Manche Menschen sind von Natur aus sehr beweglich, andere deutlich stabiler gebaut. Manche neigen eher zu Verspannungen, andere eher zu Instabilität. Manche haben Schmerzen, andere sind beschwerdefrei, möchten aber vorbeugend üben.


Genau deshalb braucht es im Yoga keine Einheitslösung, sondern ein gutes Verständnis dafür, wann Kraft sinnvoll ist und wann Beweglichkeit wichtiger wird.


Das ist für mich einer der wichtigsten Bausteine einer modernen, gesunden Yoga-Praxis.


Mein Fazit


Wenn wir verstehen, dass sich im Körper Stabilität und Mobilität sinnvoll abwechseln, können wir Yoga viel klüger aufbauen.


Wir beginnen dann, nicht mehr einfach nur „mehr Dehnung“ oder „mehr Kraft“ zu fordern, sondern schauen genauer hin:

Was braucht diese Region wirklich?

Was fehlt gerade?

Und was würde den Körper langfristig eher entlasten als überfordern?


Genau dort beginnt aus meiner Sicht ein intelligenter Yoga-Unterricht.


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