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Wenn Yoga zu viel wird. Zwischen Disziplin, Körpergefühl und Loslassen.

  • Autorenbild: Dr. Peter Poeckh
    Dr. Peter Poeckh
  • vor 1 Tag
  • 6 Min. Lesezeit

Yoga wird oft mit einem besseren Körpergefühl verbunden. Mit mehr Achtsamkeit, Selbstwahrnehmung und einem feineren Gespür für die eigenen Grenzen.


Aber was passiert, wenn wir ausgerechnet beim Yoga beginnen, diese Grenzen zu übergehen?

Wenn wir eine Übung halten, obwohl der Körper längst ein deutliches Signal gibt? Wenn Regeln wichtiger werden als das eigene Empfinden? Oder wenn Schmerz sogar als Zeichen dafür verstanden wird, dass eine Praxis besonders intensiv oder spirituell wirksam ist?


Genau darüber habe ich mit Caroline Eder gesprochen. Sie ist Physiotherapeutin, Heilpraktikerin und Kundalini-Yoga-Lehrerin und verbindet in ihrer Arbeit zwei Perspektiven, die zunächst sehr unterschiedlich erscheinen: die körperlich-anatomische Sicht der Physiotherapie und den energetischen Ansatz des Kundalini-Yoga. Dabei geht es um eine Frage, die weit über Kundalini-Yoga hinausgeht:

Wie können wir einer Methode folgen, ohne dabei den Kontakt zu unserem eigenen Körper zu verlieren?


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Wenn Intensität wichtiger wird als der Körper


Caroline praktiziert seit rund 20 Jahren Kundalini-Yoga. Dabei werden manche Übungen sehr dynamisch ausgeführt, über längere Zeit gehalten und beispielsweise mit Feueratem kombiniert.

Im Laufe ihrer eigenen Praxis hat sie jedoch begonnen, genauer hinzusehen.


Was passiert eigentlich mit den Gelenken? Wie ist der Körper in einer Haltung ausgerichtet? Welche Strukturen übernehmen die Belastung? Und ist mehr Intensität tatsächlich immer sinnvoll?

Heute geht Caroline deshalb anders an viele Übungen heran.


Sie beginnt zunächst mit der körperlichen Ebene. Eine Haltung wird aufgebaut und die Ausrichtung betrachtet. Erst wenn diese Basis stimmt, kommen weitere Elemente hinzu: Atmung, Geschwindigkeit, längeres Halten und damit auch die energetische Intensität.


Ich finde diesen Gedanken auch aus yogatherapeutischer Sicht interessant.

Denn eine Übung muss ihre Wirkung nicht verlieren, nur weil wir sie an einen Menschen anpassen.

Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall.


Wenn der Körper nicht permanent damit beschäftigt ist, eine ungünstige Position zu kompensieren oder gegen Schmerzen anzukämpfen, entsteht möglicherweise erst der Raum, andere Aspekte der Praxis wahrzunehmen.


Muss Yoga manchmal wehtun?

Damit kommen wir zu einem schwierigen Thema.

Denn natürlich bedeutet ein unangenehmes Gefühl nicht automatisch, dass eine Übung falsch ist.

Wer eine verkürzte Struktur dehnt, kann das deutlich spüren. Wer nach längerer Zeit wieder beginnt, bestimmte Bewegungen auszuführen, kann ebenfalls an Grenzen kommen.

Deshalb wäre auch die Aussage „Yoga darf niemals unangenehm sein“ zu einfach.


Entscheidend ist vielmehr: Was für einen Schmerz spüre ich gerade? Warum entsteht er? Und was verändert sich, wenn ich die Bewegung oder meine Ausrichtung verändere?

Caroline beschreibt im Gespräch, dass manche Menschen Schmerz in einer Yogahaltung sogar bewusst suchen, weil sie damit die Vorstellung verbinden, etwas lösen oder sich spirituell weiterentwickeln zu müssen. Diesen Gedanken sieht sie heute kritisch.


Ein gutes Beispiel dafür ist die Kobra.

Wer dabei Schmerzen im unteren Rücken bekommt, könnte zunächst denken: Da muss ich eben durch.

Aber vielleicht lohnt sich eine andere Frage:


Warum entsteht dieser Schmerz überhaupt?

Caroline beobachtet beispielsweise, was passiert, wenn das Becken anders ausgerichtet, der Unterbauch aktiviert und dadurch mehr Länge im unteren Rücken geschaffen wird. Häufig verändert sich dadurch bereits das Empfinden in der Haltung.


Und wenn die Ausrichtung mit zunehmender Intensität nicht mehr gehalten werden kann, geht sie wieder ein Stück aus der Position heraus.

Das ist für mich ein schönes Beispiel dafür, wie Anatomie unsere Yogapraxis nicht einschränken muss.

Sie kann uns helfen, genauer hinzuspüren.


Struktur ist hilfreich – bis sie zum Selbstzweck wird

Dieses Prinzip findet sich auch in Carolines persönlicher Geschichte wieder.

Über viele Jahre hat sie Kundalini-Yoga sehr konsequent praktiziert. Tägliche Praxis, bestimmte Kleidung, ungeschnittene Haare, eine streng yogische Ernährung und feste Routinen gehörten zu ihrem Leben.

Sie blickt auf diese Zeit keineswegs nur negativ zurück. Im Gegenteil: Die Struktur habe ihr auch Halt gegeben, und sie beschreibt ihre Dankbarkeit für vieles, was das Kundalini-Yoga in ihr in Bewegung gebracht hat.


Mit der Zeit entstand jedoch ein innerer Konflikt.

Persönliche Erfahrungen innerhalb ihrer Ausbildung und die bekannt gewordenen Vorwürfe gegen Yogi Bhajan führten dazu, dass sie ihre bisherige Praxis zunehmend hinterfragte. Vieles, dem sie zuvor gefolgt war, fühlte sich für sie nicht mehr stimmig an.


Besonders eindrücklich fand ich einen Gedanken aus unserem Gespräch.

Caroline beschreibt, dass die vielen Regeln irgendwann nicht mehr zu mehr Lebendigkeit führten. Stattdessen hatte sie zunehmend das Gefühl, wie eine „perfekte Yogini“ zu funktionieren, während ihr Menschsein zu kurz kam.


Vielleicht steckt darin eine Frage, die sich jeder von uns gelegentlich stellen kann:

Dient mir meine Praxis noch – oder diene inzwischen ich meiner Praxis?


Yoga braucht nicht nur Struktur

Spannend ist, dass Caroline Struktur keineswegs ablehnt.

Als Physiotherapeutin arbeitet sie selbst mit anatomischem Wissen, Ausrichtung und klaren Prinzipien.

Aber sie ergänzt diese Struktur bewusst um etwas anderes.

Um Freiheit.

Um Bewegung, die nicht perfekt sein muss.

Um das Ungezwungene und manchmal auch Chaotische.

Denn wenn wir ständig versuchen, jede Bewegung exakt „richtig“ auszuführen, kann ebenfalls etwas verloren gehen.


Genau hier treffen sich für mich Physiotherapie und Yoga auf eine interessante Weise.

Anatomisches Wissen kann Orientierung geben. Aber Anatomie sollte nicht zur nächsten starren Regel werden. Es geht nicht darum, eine perfekte Haltung zu erzeugen. Es geht darum, besser zu verstehen, was eine Haltung in diesem Körper gerade bewirkt.


Kann man lernen, wieder auf den eigenen Körper zu hören?

Das klingt zunächst einfach.

Ist es aber oft nicht.

Viele Menschen kommen in eine Yogastunde oder Therapie und erwarten eine klare Anweisung:

Mach diese Übung.

Halte sie so lange.

Atme auf diese Weise.

Das kann hilfreich sein. Gerade am Anfang brauchen wir Orientierung. Langfristig stellt sich allerdings eine andere Frage: Können wir lernen, selbst wahrzunehmen, was sich verändert?


Caroline versucht deshalb in ihrem Unterricht, unterschiedliche Möglichkeiten anzubieten. Eine Übung kann verändert werden. Die Atmung kann angepasst werden. Manchmal besteht die Einladung einfach darin, dem eigenen Atem zu folgen, anstatt einer äußeren Vorgabe. Damit verändert sich die Rolle einer Übung. Sie ist nicht mehr etwas, das wir möglichst korrekt erfüllen müssen. Sie wird zu einer Möglichkeit, etwas über uns selbst zu erfahren.


Becken, Bauch, Herz und Kopf: die „Happy Inner Family“

Für diese Verbindung von Körperwahrnehmung und innerem Erleben verwendet Caroline ein schönes Bild: die „Happy Inner Family“.

Sie unterscheidet dabei vier Bereiche: Becken, Bauch, Herz und Kopf.

Die Idee dahinter ist nicht, einen dieser Bereiche über die anderen zu stellen. Vielmehr geht es darum, jedem zunächst Aufmerksamkeit zu schenken und anschließend wieder wahrzunehmen, dass alle vier zu einem Ganzen gehören.


Dabei verbindet Caroline unterschiedliche Zugänge. Körperliche Arbeit aus Physiotherapie und Faszientherapie steht neben Übungen aus dem Kundalini-Yoga sowie meditativen und energetischen Elementen.


Auch hier geht es also nicht um ein Entweder-oder.

Nicht Kopf oder Bauch.

Nicht Anatomie oder Energie.

Nicht Struktur oder Intuition.

Sondern darum, diese unterschiedlichen Ebenen wieder miteinander in Kontakt zu bringen.


Der Körper ist mehr als der Ort einer Übung

Wie wichtig dieser umfassendere Blick sein kann, zeigt auch Carolines eigene Geschichte.

Bereits als Jugendliche hatte sie unter Reizdarmbeschwerden gelitten, später kamen unter anderem chronische Blasenentzündungen und Rückenschmerzen hinzu. Über einen Ratgeber kam sie damals überhaupt erst zum Yoga.


Yoga wurde für sie ein wichtiger Teil ihres Weges. Sie beschreibt unter anderem, dass ihre Rückenschmerzen besser wurden und die Praxis ihr beim Umgang mit körperlichen Spannungen und ihrem Nervensystem half.


Aber Yoga war nicht die einzige Antwort.

Sie beschäftigte sich intensiv mit ihrer Ernährung, beobachtete ihre Reaktionen und führte unter anderem ein Tagebuch zu ihren Darmbeschwerden. Zusätzlich nahm sie Verhaltenstherapie in Anspruch, um auch den inneren Druck und andere persönliche Zusammenhänge anzuschauen. Ich finde diese Differenzierung wichtig.


Gerade wenn wir von Yoga und Gesundheit sprechen, entsteht schnell der Eindruck, eine bestimmte Praxis müsse nur konsequent genug durchgeführt werden und könne dann alle Probleme lösen.

So einfach ist es meistens nicht.

Manchmal brauchen wir Bewegung.

Manchmal medizinische oder therapeutische Unterstützung.

Manchmal müssen wir unsere Gewohnheiten betrachten.

Und manchmal müssen wir uns mit der Frage beschäftigen, warum wir überhaupt so viel Druck auf uns ausüben.


Vielleicht ist die eigentliche Praxis das Wahrnehmen

Aus meinem Gespräch mit Caroline bleibt deshalb für mich weniger eine bestimmte Technik als eine Haltung.

Yoga darf Struktur haben.

Es darf intensiv sein.

Es darf uns herausfordern.

Aber die entscheidende Frage ist nicht, wie lange wir eine Position halten oder wie konsequent wir einer Tradition folgen.


Entscheidend ist, ob wir dabei noch wahrnehmen können, was gerade passiert. Denn Selbstverantwortung bedeutet nicht, alles alleine wissen zu müssen. Sie bedeutet vielleicht vielmehr, die eigenen Signale wieder ernst zu nehmen, Fragen zu stellen und eine Praxis an den Menschen anzupassen, statt den Menschen an die Praxis.


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Wenn du dich für die Yogatherapie interessierst, dann sind vielleicht meine Yogatherapie Grundlagen der ideale Einstieg.


 
 
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