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Yoga muss sich deinem Körper anpassen, nicht umgekehrt

Autorenbild: Dr. Peter Poeckh
Dr. Peter Poeckh
vor 8 Stunden
5 Min. Lesezeit

Wie oft versuchst du in einer Yogaübung, eine bestimmte Form zu erreichen?

Der Fuß soll genau dort stehen. Das Becken soll in eine bestimmte Richtung zeigen. Die Wirbelsäule soll möglichst weit in die Rückbeuge kommen. Und vielleicht schaust du dabei sogar auf die Person neben dir und denkst: So müsste es bei mir eigentlich auch aussehen.

Genau hier lohnt es sich, genauer hinzusehen.


Denn eine Asana ist keine Form, in die wir jeden Körper hineinpressen sollten. Entscheidend ist vielmehr die Frage: Was braucht dieser Körper, damit die Bewegung sinnvoll, kontrolliert und passend ausgeführt werden kann?


Darüber habe ich in der neuen Folge von Yogatherapie bewegt mit der Physiotherapeutin und Yogalehrerin Lilla Wuttich gesprochen. Sie verbindet Physiotherapie, Spiraldynamik und Yoga und vertritt einen Gedanken sehr klar:


Yoga sollte sich an der Anatomie orientieren, nicht die Anatomie am Yoga.


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Anatomie bedeutet nicht, möglichst viele Muskeln auswendig zu lernen

Wer eine medizinische oder therapeutische Ausbildung gemacht hat, kennt vermutlich diese Art des Lernens: Ursprung, Ansatz, Funktion, Knochenpunkte, Bänder und Gelenke.

Dieses Wissen hat natürlich seinen Platz.


Aber es beantwortet noch lange nicht die entscheidende Frage: Was bedeutet das für Bewegung?

Lilla beschreibt im Gespräch sehr schön, dass ihr eine grundlegende anatomische Orientierung wichtig ist. Wir sollten beispielsweise wissen, wo sich Kreuzbein, Becken oder bestimmte Gelenke befinden.

Entscheidender als jedes Detail ist für sie aber das funktionelle Verständnis: Was passiert im Körper, wenn wir eine Bewegung ausführen? Welche Strukturen arbeiten zusammen? Wo entsteht Stabilität? Und wo weicht der Körper vielleicht aus?


Das ist auch für mich ein zentraler Gedanke in der Yogatherapie.

Anatomie wird nicht dadurch interessant, dass wir möglichst viele Strukturen benennen können. Sie wird interessant, wenn sie uns hilft, Bewegung besser zu verstehen.


Die Asana ist nicht das Ziel

Gerade im Yoga entsteht manchmal der Eindruck, eine Haltung habe eine ideale Form.

Dann versuchen wir, den Körper dieser Vorstellung anzupassen.


Lilla erzählt im Gespräch von einer Erfahrung in einem Yogastudio, die schließlich zu einem ihrer wichtigsten Grundsätze geführt hat. Sie sollte dort Anatomie so vermitteln, dass sie besser zum unterrichteten Yogastil passte.

Für sie war die Reihenfolge genau falsch.


Denn unser Körper funktioniert nach anatomischen und biomechanischen Prinzipien. Natürlich gibt es individuelle Unterschiede. Trotzdem können wir diese Prinzipien nicht verändern, nur damit eine bestimmte Vorstellung einer Asana weiterhin funktioniert.


Das bedeutet allerdings nicht, dass es nur eine einzige „richtige“ Ausführung geben kann.

Im Gegenteil. Gerade wenn Menschen unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen, muss sich auch die Ausführung verändern können.


Wann ist ein Hohlkreuz wirklich ein Hohlkreuz?

Ein gutes Beispiel dafür ist die Lendenwirbelsäule.

Unsere Wirbelsäule ist natürlicherweise gekrümmt. Eine Lordose, also die Krümmung der Lendenwirbelsäule nach vorne, gehört deshalb zunächst zu einer normalen Wirbelsäulenform.


Die interessantere Frage lautet: Wie viel Krümmung ist sinnvoll?

Lilla beobachtet, dass ein ausgeprägtes Hohlkreuz im Yoga manchmal mit dem Hinweis auf die „natürliche Lordose“ erklärt wird. Doch damit ist noch nicht beantwortet, ob das Becken tatsächlich sinnvoll ausgerichtet ist.

In der Spiraldynamik orientiert sie sich unter anderem an der Stellung des Kreuzbeins und an der Vorderseite des Hüftgelenks.


Ist das Kreuzbein relativ aufgerichtet, kann das ein Hinweis darauf sein, dass auch das Becken gut aufgerichtet ist. Kippt die Kreuzbeinbasis stärker nach vorne, muss sich die darüberliegende Wirbelsäule entsprechend anpassen und die Lordose kann deutlicher werden.


Auch die Leiste und die Position des vorderen Darmbeinstachels im Verhältnis zum Oberschenkel nutzt Lilla als äußere Orientierung. Dabei geht es nicht um eine starre Messung, sondern darum, die eigene Haltung genauer beobachten zu lernen.


Und genau das finde ich spannend: Anatomie wird plötzlich nicht mehr zu theoretischem Wissen.

Sie wird sichtbar und spürbar.


Hypermobil oder eher steif? Die gleiche Yogaübung kann etwas völlig anderes brauchen

Besonders deutlich wird das bei zwei Menschen, deren körperliche Voraussetzungen kaum unterschiedlicher sein könnten.

Der eine ist sehr beweglich und kommt problemlos tief in viele Asanas.

Der andere fühlt sich dagegen fast überall steif.


Auf den ersten Blick könnte man daraus schließen: Der bewegliche Mensch braucht Yoga, um seine Beweglichkeit zu genießen, der steife Mensch muss einfach mehr dehnen.

So einfach ist es allerdings nicht.


Lilla betont im Gespräch, dass hypermobile Menschen häufig gerade Kräftigung und Stabilität benötigen. Gleichzeitig spielt die Ausrichtung sowohl bei sehr beweglichen als auch bei eher steifen Menschen eine wichtige Rolle.


Sie beschreibt dabei ein schönes Bild aus der Spiraldynamik.

Wenn du ein Handtuch auswringst, entsteht Spannung und Festigkeit. Drehst du es wieder auf, wird es beweglicher.


Ähnlich beschreibt sie die Verschraubung im Körper: Eine gute Ausrichtung kann einem hypermobilen Menschen mehr Stabilität geben. Bei einem eher steifen Menschen kann dieselbe gute Organisation dem Körper dagegen Sicherheit vermitteln und dadurch Bewegung freigeben.


Deshalb beantwortet sie auch die Frage nach geeigneten und ungeeigneten Asanas nicht mit einer Liste.

Für sie steht die Ausführung im Vordergrund.

Eine Haltung lässt sich häufig so verändern, dass unterschiedliche Menschen etwas Sinnvolles daraus mitnehmen können. Genau darin liegt für mich ein wichtiger Unterschied zwischen einer rein formorientierten und einer therapeutischen Yogapraxis.


Warum Rückbeugen nicht automatisch die beste Antwort auf Rückenschmerzen sind

Ein weiteres Beispiel aus unserem Gespräch betrifft Rücken-Yoga.

Rückbeugen sind dort weit verbreitet. Das kann durchaus sinnvoll sein.


Lilla beobachtet allerdings, dass gerade bei Menschen mit Rückenproblemen die Ausrichtung in Rückbeugen nicht immer ausreichend berücksichtigt wird. Dann entsteht die Bewegung womöglich vor allem dort, wo ohnehin schon viel Beweglichkeit vorhanden ist, beispielsweise in der Lendenwirbelsäule, während die Brustwirbelsäule vergleichsweise steif bleibt.


Für Rückenbeschwerden arbeitet sie deshalb besonders gerne mit Rotationen beziehungsweise Twists.

Ihr Gedanke dahinter: Wird die Beweglichkeit der Brustwirbelsäule besser genutzt, müssen Lenden- und Halswirbelsäule weniger kompensieren.


Auch hier geht es nicht darum, Rückbeugen durch Twists zu ersetzen.

Die entscheidende Frage ist wieder eine andere:

Wo braucht dieser Mensch gerade mehr Bewegung – und wo vielleicht mehr Kontrolle?


Vielleicht brauchen wir weniger Ehrgeiz und mehr Forschergeist

Gegen Ende unseres Gesprächs habe ich Lilla gefragt, welche eine Botschaft sie der Yoga-Welt gerne mitgeben würde.

Ihre Antwort passt eigentlich zu allem, worüber wir vorher gesprochen hatten.

Weniger Ehrgeiz.

Mehr Neugier.


Den eigenen Körper spielerisch erkunden, Erfahrungen sammeln und beobachten, was sich verändert. Nicht unbedingt genauso weit kommen wollen wie die Person auf der Matte nebenan. Ich glaube, genau darin steckt ein wesentlicher Gedanke der Yogatherapie.


Eine gute Yogapraxis entsteht nicht dadurch, dass eine Haltung von außen perfekt aussieht.

Sie entsteht, wenn wir beginnen zu verstehen, warum wir etwas tun, wie unser Körper darauf reagiert und was wir in diesem Moment tatsächlich brauchen.

Dann wird Anatomie nicht zu einem Regelwerk.


Sie wird zu einer Möglichkeit, den eigenen Körper besser kennenzulernen.

Und vielleicht verändert sich dadurch auch unser Yoga: weg vom Erreichen einer Form und hin zu einer Praxis, in der Wahrnehmung, Funktion und Individualität wieder mehr Platz bekommen.

Im vollständigen Gespräch mit Lilla Wuttich sprechen wir außerdem über ihre Erfahrungen mit Spiraldynamik, die Ausbildung in der Physiotherapie, Yoga im Alter und die Frage, welche Rolle die Epigenetik künftig für unser Verständnis von Gesundheit spielen könnte.


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Wenn du mit Yoga-Anatomie durchstarten möchtest: Meine Yoga-Anatomie Ausbildung

Mehr über Lilla Wuttich findest du unter www.lillawuttich.de.


 
 
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