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Warum wir Probleme brauchen

  • Autorenbild: Dr. Peter Poeckh
    Dr. Peter Poeckh
  • vor 2 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

und was das mit Yoga, Kohärenz und Selbstheilung zu tun hat. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Gerhard


Manchmal sagt jemand einen Satz und du merkst: Der bleibt hängen. Gleich zu Beginn dieser Podcastfolge fällt so ein Satz von Prof. Dr. Gerald Hüther:


„Wir brauchen Probleme. Ohne Probleme könnten wir nichts lernen.“

Das klingt erstmal wie eine Provokation, ist aber in Wahrheit ziemlich entlastend. Denn plötzlich ist „Problem haben“ nicht automatisch ein Zeichen von Scheitern, sondern Teil von Entwicklung. Und genau darum dreht sich dieses Gespräch: Was passiert in uns, wenn es schwierig wird? Warum kommt Heilung nicht von außen? Und wie kann Yoga helfen, wieder in eine Art innere Ordnung zu finden, statt im Chaos zu landen?


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Wer ist Prof. Dr. Gerald Hüther?


Gerald Hüther zählt zu den bekanntesten Hirnforschern im deutschsprachigen Raum. Er beschreibt das Gehirn als Sozialorgan, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Lernen, Motivation und menschlicher Entwicklung und versucht, Denkweisen aus „Ost“ und „West“ wieder näher zusammenzubringen.


Im Gespräch merkt man schnell: Er denkt nicht nur wissenschaftlich, sondern auch sehr lebenspraktisch. Und er scheut sich nicht, Dinge klar auszusprechen.


„Es gibt überhaupt nichts anderes als Selbstheilung.“

Einer der stärksten Momente der Folge ist seine klare Haltung zur Heilung. Hüther sagt sinngemäß: Ärztinnen, Therapeuten, Yogalehrende können Bedingungen schaffen. Aber heilen muss der Organismus selbst.


Das passt auch zu dem, was viele aus der Praxis kennen: Du kannst Menschen begleiten, erklären, zeigen, Programme bauen. Aber der entscheidende Schritt passiert erst, wenn jemand es wirklich will.


Damit landet das Gespräch automatisch bei einer Frage, die im Gesundheitsbereich oft zu wenig gesagt wird: Wie lädt man Menschen ein, statt sie „zu behandeln“?


Einladung statt Dienstleistung


Hüther unterscheidet sehr deutlich zwischen einem Dienstleistungsverständnis („ich mache etwas mit dir“) und echter Begegnung („wir treffen uns als Menschen“). Sein Punkt ist unbequem, aber stark:


Man kann jemanden nur wirklich einladen, wenn man ihn mag, zumindest in dem Sinn, dass man im Gegenüber etwas findet, das man respektiert und sehen kann.


Und genau dieses „gesehen werden“ verändert etwas. Hüther beschreibt, dass Begegnung auf Augenhöhe überhaupt erst die Bedingungen schafft, damit sich im System etwas neu sortieren kann.


Kohärenz: Wenn wieder alles zusammenpasst


Ein zentraler Begriff der Folge ist Kohärenz. Hüther beschreibt Kohärenz als einen Zustand, in dem die Dinge wieder „zusammenpassen“: im Gehirn, im Nervensystem, im Körpergefühl und oft auch in der Beziehung zur Umwelt.


In nicht kohärenten Zuständen läuft innerlich alles drunter und drüber. Das kostet enorm viel Energie. Und genau dann, so Hüther, können auch die Systeme, die unsere Regulation steuern (Nervensystem, Hormonsystem, Immunsystem), schlechter arbeiten.


Yoga wird hier interessant, weil Yoga oft genau an dieser Stelle ansetzt: weniger „noch schneller“, weniger „noch mehr“, sondern zurück zu Atmung, Wahrnehmung, Fokus. Nicht als Flucht, sondern als Weg, wieder steuerungsfähig zu werden.


Ost und West: Rückzug oder Beziehung?


Ein spannender Teil des Gesprächs ist der Vergleich zwischen östlichen und westlichen Wegen, um „Einheit“ oder innere Stimmigkeit zu finden.


Hüther beschreibt den östlichen Weg eher als Rückzug aus dem Außen, während der westliche Zugang stärker über Beziehung läuft. Dort heißt das Ziel dann nicht Nirvana, sondern Liebe.


Ich finde diese Perspektive deshalb so hilfreich, weil sie den Alltag mitdenkt. Nicht jeder kann sich in ein Kloster zurückziehen. Die Frage ist eher: Wie schaffe ich im normalen Leben Momente, in denen ich nicht dauernd reagiere, sondern handlungsfähig bleibe?


Gelassenheit: die Fähigkeit, Prozesse zu stoppen


Hüther bringt Freiheit auf einen einfachen Nenner: Freiheit heißt nicht, zwischen tausend Optionen wählen zu können. Freiheit heißt, einen laufenden Impuls stoppen zu können, bevor man automatisch handelt.


Das kann so banal sein wie „bis zehn zählen“. Oder eine geübte Praxis, die dir wieder Zeit zwischen Reiz und Reaktion schenkt. In Yoga übersetzt: Atmung, Fokus, Körperwahrnehmung. Nicht als Wellness, sondern als Training für den Alltag.


Probleme, ja. Aber bitte lösbare.


Und jetzt kommt der entscheidende Zusatz aus dem Eingangsstatement. Hüther sagt nicht „macht euch gegenseitig das Leben schwer“, sondern eher:


Ja, wir brauchen Herausforderungen. Aber bitte solche, an denen wir wachsen können. Zu viel, zu früh, zu heftig kann kippen. Zu wenig kann genauso problematisch sein, weil dann nichts gelernt wird. Dazwischen liegt dieser Bereich, in dem Entwicklung möglich wird.


Schmerz, Aufmerksamkeit und das „Hochschaukeln“


Zum Schluss sprechen wir über Schmerz und darüber, wie sehr Aufmerksamkeit das Erleben verstärken kann, vor allem bei chronischen Themen.


Hüther bringt Beispiele wie Tinnitus oder Herpes und erklärt: Wenn es gelingt, die Aufmerksamkeit wirklich zu verlagern, kann sich das System beruhigen. Das ist kein „stell dich nicht so an“, sondern ein Hinweis darauf, wie eng Wahrnehmung, Angst und Körperreaktion miteinander verknüpft sind.


Drei Takeaways aus der Folge


  1. Heilung ist nicht „von außen machbar“. Man kann Bedingungen schaffen, aber der Prozess gehört dem Menschen.

  2. Kohärenz ist ein Zustand, den man trainieren kann. Yoga kann dabei ein praktischer Weg sein, wieder aus dem inneren Durcheinander rauszukommen.

  3. Probleme sind nicht automatisch schlecht. Entscheidend ist, ob sie lösbar sind und ob man daran wachsen kann, statt daran zu zerbrechen.



🎧 Wenn du die Folge noch nicht gehört hast: Hör unbedingt rein. Und wenn du jemanden kennst, der gerade im Stress festhängt, schick sie weiter. Manchmal reicht ein Satz, damit sich etwas neu sortiert.


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📍 Mehr zu Prof. Dr. Hüther findest du hier:https://www.gerald-huether.de/



 
 
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